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Risikohufe und Hufrehe - Warum bestimmte Hufsituationen die Gefahr einer Hufrehe erhöhen

von Dr. Konstanze Rasch

Warum bestimmte Hufsituationen die Gefahr einer Hufrehe erhöhen

Immer wieder treffen wir in unserer Praxis auf Pferde, die aufgrund ihrer Hufe eindeutig als rehegefährdet eingestuft werden müssen. Obwohl die Hufe diese Rehe-Vorzeichen fast immer sehr deutlich zeigen, sind sich die meisten Besitzer der drohenden Gefahr nicht bewusst. Ich möchte im Folgenden allen um das Wohl ihrer Tiere bemühten Pferdebesitzern einige wichtige Hinweise geben, woran sie eine mögliche spezielle Gefährdung des eigenen Tieres erkennen können.

 Leider wird die Rolle der Hufsituation für die Entstehung einer Hufrehe bislang noch weitgehend unterschätzt. Das gilt auch für die Fachleute der Pferdegesundheit - kaum ein Tierarzt oder Tierheilpraktiker weist den Pferdebesitzer heutzutage darauf hin, wenn von der vorliegenden Hufsituation eine Gefährdung seines Tieres ausgeht. Dabei liegt der Zusammenhang recht klar auf der Hand. Die Hufrehe ist eine Erkrankung des Hufbeinträgers, also derjenigen Struktur, welche den Hufbeinknochen und die Hornkapsel miteinander verbindet.

Durch den Hufbeinträger ist das Pferdegewicht in der Hornkapsel aufgehängt. Das bedeutet, dass der Hufbeinträger zum Teil immense Kräfte aushalten muss. Ein Hufbeinträger im Dauerstress wird hierzu jedoch viel schlechter in der Lage sein. Ein solcher Dauerstress entsteht immer dann, wenn die jeweilige Hufform eine andauernde und übermäßige Zugwirkung auf die Wandlederhaut ausübt.

Die Pferde, die aufgrund ihrer Hufsituation ein erhöhtes Reherisiko tragen, lassen sich prinzipiell in fünf Gruppen einteilen.

  1. Pferde mit vernachlässigten Hufen
  2. Pferde mit unterschiedlich steilen Vorderhufen
  3. Pferde mit zu kleinen Hufen (im Verhältnis zur Körpermasse)
  4. Pferde mit sehr weiten Hufen, sog. Teller- oder Platthufen
  5. Pferde mit sog. chronischen Rehehufen

An dieser Stelle beschränke ich mich auf die nähere Betrachtung der beiden ersten Risikogruppen, während die Pferde mit sog. chronischen Rehehufen Gegenstand des letzten Teiles dieser kleinen Reihe über Hufrehe sein werden. Den darüber hinaus interessierten Leser verweise ich zur weiteren Lektüre auf mein Buch „Diagnose Hufrehe“ (Müller Rüschlikon Verlag), welches eine ausführliche Darstellung aller Risikogruppen enthält.

Risikogruppe Nr. 1: Pferde mit vernachlässigten Hufen

Je nach rassetypischer Veranlagung und genetischer Abstammung sowie in Abhängigkeit von der Jahreszeit wächst das Horn des Pferdehufes zwischen 0,5 bis 1,7 cm pro Monat. Wird dieses stetig nachwachsende Horn durch ausreichende Bewegung auf entsprechenden Untergründen abgerieben, so benötigen die Hufe zumeist nur wenig hufbearbeiterische Betreuung. Anders, wenn Pferde nur auf weichen nachgiebigen Böden unterwegs sind (Graskoppel, Reithalle oder Reitplatz, Sandauslauf etc.) oder ihre Hufe zum Schutz vor Hornabrieb beschlagen sind. Hier kann sich das nachwachsende Horn nicht ausreichend abreiben und es kommt leicht zu negativen Veränderungen in der Hufform. Vor allem lange hebelnde Zehenwände aber auch schräge und verbogene Seitenwände belasten den Hufbeinträger in starkem Maße.

Hufe, bei denen ein gleichmäßiger Abrieb fehlt, müssen deshalb in regelmäßigen und kurzen Abständen von vier bis max. sechs Wochen bearbeitet werden. Vor allem auch beschlagene Hufe, die gern zu untergeschobenen Trachten und zu überlangen Zehen neigen, danken dies nicht nur mit einer raschen Gesundung der Hufform und einer wahrnehmbaren Erhöhung der Lauffreude (bspw. kein Stolpern mehr), sondern auch mit einer deutlichen Minderung des Risikos einer Hufreheerkrankung. Da der Eisenbeschlag immer zu einem ungleichmäßigen Abrieb am Huf führt - die Trachten werden stark, die Zehenwand dagegen überhaupt nicht abgerieben - ist ein kurzer Abstand zwischen den Beschlagsterminen unerlässlich. Nicht wie lange das Eisen am Huf hält, ist der Maßstab für den nächsten Beschlagstermin, sondern die Erhaltung der gesunden Hufform.

Risikogruppe Nr. 2: Pferde mit unterschiedlich steilen Vorderhufen

Relativ viele Pferde besitzen unterschiedlich gewinkelte Zehengliedmaßen an der Vorhand. Eine kleine statistische Erhebung anlässlich eines Vortrages zu ebendiesem Thema auf der alljährlichen Huftagung der DHG e.V. ergab, dass ca. ein Viertel aller Pferde unterschiedlich steile Vorderhufe besitzen. Die häufigste Ursache hierfür ist der im Fohlenalter erworbene sehnenbedingte Bockhuf. Recht häufig wird auch noch beim erwachsenen Pferd versucht, diese ungleiche Stellung beider Vorderhufe zu korrigieren. In der Regel wird hierfür bei der Hufbearbeitung der steilere der beiden Hufe in den Trachten gekürzt, um ihn in seiner Form und Stellung dem fl acheren Partnerhuf anzugleichen. Das hat für die Gesundheit beider Hufe sehr häufig fatale Konsequenzen. Durch das Trachtenkürzen erhöht sich die Spannung der Beugesehnen. Diese erhöhte Sehnenspannung wirkt sich nicht nur negativ auf die Region der Hufrolle aus, sie zieht das Hufbein auch unweigerlich wieder in seine ursprüngliche steilere Position zurück. Dieses Zurückziehen geht auf Kosten des Hufbeinträgers, der hierdurch in starkem Maße geschädigt wird. Erkennbar wird dies an der sich dann einstellenden Verbiegung der Zehenwand.

Ein solcher Huf ist hochgradig rehegefährdet und die meisten einseitigen Hufrehen entstehen auf Kosten dieser fehlbehandelten Bockhufe. Dabei ist aber auch der Partnerhuf keineswegs als ungefährdet einzustufen. häufig wird der flachere und anfänglich normal gestellte Partnerhuf aufgrund der Korrekturbemühungen am Bockhuf sehr stark belastet. Der korrigierte Bockhuf ist für das Pferd derart ungemütlich häufig auch schmerzhaft, dass das Pferd ihn so gut es eben geht entlastet und deshalb mehr Gewicht und Arbeit auf den Partnerhuf legt. Die dauerhafte Überlastung lässt diesen aber mit der Zeit regelrecht kollabieren. Der Huf wird flacher, schräger, die Trachten schieben unter, es kommt zu Rissen, Spalten, Hufgeschwüren, ausplatzenden Tragrändern, ungeklärten Lahmheiten etc.

Nahezu immer zeigen die Hufe ihre Notsituation, in der sie sich befi nden, deutlich an. Leider werden diese Anzeichen noch viel zu häufig übersehen und der Pferdebesitzer fällt aus allen Wolken, wenn das Pferd scheinbar plötzlich und völlig grundlos eine Hufrehe erleidet.

Alarmzeichen auf die Sie achten sollten:

  • eine Verbiegung der Zehenwand
  • eine zu lange Zehe bei niedrigen bzw. untergeschobenen Trachten
  • eine nach hinten gebrochene Huf-Fesselachse
  • zu flache, wegdriftende Seitenwände
  • gelblich bis rötliche Einfärbungen in der Hornkapsel
  • zahlreiche „Futterrillen“ bzw. Faltenhorn
  • eine aufgerissene bzw. eingefärbte Blättchenschicht
  • häufige Hufgeschwüre oder Hufabszesse
  • ein zeitweiser oder ständig fühliger Gang bzw. ungeklärte und immer wiederkehrende Lahmheiten

Dieser Artikel erschien in PFERDE in Sachsen & Thüringen - 02 | 11

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