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Was passiert bei Hufrehe und wie sind die Folgen für die Hufe?

von Dr. Konstanze Rasch

Ein jeder hat schon von ihr gehört, und nicht wenige Pferdebesitzer haben auch schon eigene traurige Erfahrungen mit ihr gemacht: Die Hufrehe ist eine bekannte und gefürchtete Krankheit, von der man weiß, dass sie die Hufe der Pferde enorm schädigt und in vielen Fällen zu einem unreitbaren Pferd oder mitunter sogar zum Tod des Tieres führt. Aber was sind das eigentlich für Prozesse, die bei einer Rehe im Huf ablaufen und wie kann man ihnen begegnen und dabei möglichst wirkungsvoll verhindern, dass diese Prozesse zu irreparablen Schäden an den Hufen führen?

Nicht wenige Pferdebesitzer kennen zwar die Symptome einer Hufrehe, die wenigsten von ihnen wissen jedoch, was genau im Hufi nnern geschieht. In der Februarausgabe dieser Zeitschrift habe ich bereits über den Hufbeinträger und seine tragende Rolle beim Rehegeschehen berichtet. Das Pferdegewicht ist über den Hufbeinträger in der Hornkapsel aufgehängt (siehe Abb. 1 und 2 in Ausgabe 2/2011, S. 74). Ermöglicht wird dies durch die innige Verbindung von Wandlederhaut (die das Hufbein umgibt) und Blättchenhorn (welches die Hornkapsel von innen auskleidet).

Erleidet das Pferd einen Reheschub, so kommt es zu einer „Entzündung“ eben dieser Wandlederhaut und in der Folge zu einem teilweisen Verlust ihrer Funktionsfähigkeit. Früher wurde angenommen, dass ein aus Wandlederhaut austretendes Entzündungsexsudat für die heftigen Schmerzen und die Aufl ösung des Hufbeinträgers verantwortlich ist (Ödem- oder Exsudattheorie). Das gilt mittlerweile als widerlegt, genauso wie die Annahme, dass die Hufrehe, durch eine übermäßige Blutgerinnung ausgelöst wird, die zu Thrombosen in den Kapillargefäßen und hierdurch zu einer Minderdurchblutung der Wandlederhaut führt (Thrombose-Theorie). Auch eine durch verschiedene Botenstoffe veranlasste Verengung der Blutgefäße wird heute nicht mehr unbedingt als ursächlich für das Rehegeschehen angesehen (Vasokonstriktions-Theorie). Zwar können alle diese Momente im Verlaufe der Reheerkrankung hinzutreten, primär werden die zerstörerischen Vorgänge im Hufbeinträger jedoch, dessen ist man sich heute sicher, durch eine enzymatische Fehlregulierung hervorgerufen. Verantwortlich hierfür sind Enzyme (Matrix-Metalloproteinasen), die in normalen Zeiten für ein kontrolliertes Lösen von Zellverbindungen sorgen. Ein solches systematisches Lösen von einzelnen Zellverbindungen ist notwendig, um ein Nachwachsen des Hornschuhs zu gewährleisten. So kann bei aufrechterhaltener fester Verbindung zwischen Hufbein und Wandlederhaut einerseits und Hornblättchen und Hornkapsel andererseits das Horn an den Wandlederhautblättchen entlang nach unten geschoben werden. Eine übermäßige Aktivierung dieser Matrix-Metalloproteinasen (MMP 2 und MMP 9) sorgt für einen mehr oder weniger starken Verlust der Verbindung im Hufbeinträger. Auslöser für diese enzymatische Entgleisung sind u.a. Endotoxine, aber auch körpereigene Botenstoffe, wie sie im Falle einer schweren Allgemeinerkrankung, einer Vergiftung oder infolge von Stress- oder Schockzuständen vom Körper ausgeschüttet werden. Letztlich kann jede außerordentliche Belastung des Stoffwechsels beim Pferd in eine Hufrehe münden. Die bekanntesten Ursachen sind wohl Überfütterung, Vergiftung, Nachgeburtsverhaltung, Kortisongabe, Cushing, Insulinresistenz und EMS (siehe Teil 1 in Ausgabe 1/2011) sowie die Überbelastung der Hufe bei der sogenannten Belastungsrehe (siehe Teil 2 in Ausgabe 2/2011).

Man muss sich bei alldem bewusst machen, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem die Hufrehe beim Pferd entdeckt wird, der ganze Prozess bereits angelaufen ist. Der akuten Rehe geht stets ein symptomloses Initialstadium voraus, in dem das Pferd keine Schmerzen zeigt. Ehe die Reheschmerzen einsetzen, ist bereits einige Zeit vergangen und es sind erste Schäden im Hufbeinträger eingetreten.

Wie erkennt man eine Hufrehe?

Das Hauptsymptom einer Hufrehe ist SCHMERZ. Ein massiver Hufreheschub ist kaum zu übersehen. Die starken Schmerzen in den Hufen bannen das Rehepferd an Ort und Stelle. Es steht zumeist in typischer Rehestellung, wenn es sich nicht überhaupt niederlegt und an Ort und Stelle liegen bleibt.

Wenn sich das erkrankte Pferd noch dazu überreden lässt, sich vorwärts zu bewegen, so tut es dies mit starker Trachtenfußung und staksigen kurzen Schritten. Rückwärts richten ist unmöglich. Will man die Hufe anschauen, um die Situation zu eruieren, und versucht man dazu, die Beine aufzuheben, so ist dies nur mit sehr viel Mühe und Überredungskunst möglich. Man sieht, dass das Pferd starke Schmerzen hat und sein Allgemeinbefi nden deutlich gestört ist (Schwitzen, Zittern, beschleunigte Atmung, beschleunigter Puls, Fieber). Schwieriger ist es aber unter Umständen eine Hufrehe zu erkennen, die weniger stark ausgeprägt ist. Klammer Gang und Wendeschmerz können Anzeichen für einen leichten Reheschub sein, vor allem wenn sie gepaart sind mit einer verstärkten Pulsation der Zehenarterien. Wenn ein Pferd ohnehin zu den rehegefährdeten Genossen gehört (siehe Teil 1 und 2 dieser Serie), so sollte man diese Anzeichen als verantwortungsbewusster Besitzer in jedem Fall ernst nehmen und einen Fachmann hinzu rufen, der abklärt, ob es sich um eine Hufrehe handelt.

Welche Auswirkungen hat die Hufrehe auf die Hufe?

Die enzymatische Entgleisung im Hufbeinträger löst eine Hufrehe aus.
Der Hufbeinträger wird hierdurch beschädigt – die Verbindung zwi-schen Hufbein und Hornwand löst sich zum Teil.

Die oben beschriebene, durch eine Fehlregulierung der Matrix-Metalloproteinasen MMP2 und MMP 9 ausgelöste „Entzündung“ der Wandlederhaut führt zu einem mehr oder weniger ausgedehnten Funktionsverlust des Hufbeinträgers. Das Gewicht des Pferdes, welches in diesem Aufhängeapparat normalerweise perfekt aufgefangen wird, lastet nun auf den rehegeschädigten Strukturen und sorgt für zusätzliche mechanische Schädigung. Bei einem leichten bis mittelschweren Reheschub kommt es hierdurch zu einem Auseinanderweichen von Hornwand und Hufbein. Hierbei verändert sich in erster Linie die Stellung der Zehenwand zum Boden, die Zehenwand wird deutlich schräger und weicht vom Hufbein weg. Bei schiefen Hufen oder weiten Hufen mit sehr schrägen Seitenwänden kann dieses Auseinanderdriften auch die Seitenwände betreffen.

Einige Zeit nach der Rehe zeigt sich an den betroffenen Hufen dicht unterhalb des Kronsaums ein deutlicher Ring (manchmal sind es auch mehrere dicht aufeinander folgende) und die Blättchenschicht ist aufgerissen bzw. verbreitert. Die beschädigte Aufhängung wird mit der Zeit durch Narbenhorn repariert, was zunächst noch zu einer veränderten Wachstumsrichtung der Hornwand führt. Diese Reheschäden sorgen in der Folge nicht nur für eine erhöhte Empfi ndlichkeit und eine geringere Belastbarkeit der Hufe, sie machen die Hufe auch anfällig für neue Reheschübe. Es sollte deshalb viel Aufmerksamkeit auf die nachfolgende Hufbearbeitung verwendet werden. Letztere muss es leisten, die Schäden vollständig herauswachsen zu lassen und das Pferd wieder auf gesunde Füße zu stellen. Dass und wie dies möglich ist, soll in der Aprilausgabe dieser Zeitschrift darlegt werden.

Erleidet ein Pferd einen sehr schweren Reheschub oder wurde es versäumt, einen eigentlich moderaten Reheschub sachgerecht zu behandeln, so kann es zu einer hochgradigen Aufl ösung der Verbindung im Hufbeinträger und in der Folge zu einem Absinken des Hufbeins in die Hornkapsel kommen.

Ein sehr heftiger Reheschub oder auch eine falsch behandelte Hufrehe kann zu einer Hufbeinsenkung führen. Das Pferdegewicht lässt das Huf-bein in die Hornkapsel einsinken (a = Grad der Senkung), wodurch sich der Abstand zwischen Zehenwand und Hufbein insgesamt vergrößert (b).

Diese starke Schädigung der Hufbeinaufhängung zeigt sich relativ schnell in einer Vorwölbung der nun auch hochempfi ndlichen Hufsohle, direkt vor der Strahlspitze, und in einer deutlichen Falte, die sich dicht unterhalb des Kronsaums bildet. Die häufige Folgekomplikation einer solchen Hufbeinsenkung ist das nachfolgende Durchbrechen des Hufbeins durch die Sohle. Durch Beschläge (insbesondere abdeckende Deckeleisen, Silikonpolster) erhöht sich diese Gefahr noch um einiges. Besser ist es, die Hufe mit Verbänden zu schützen und so zu polstern, dass der erkrankte Hufbeinträger größtmögliche Unterstützung erfährt und der empfi ndliche Hufsohlenbereich nicht komprimiert wird.

Dieser Artikel erschien in PFERDE in Sachsen & Thüringen - 03 | 11

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