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Die Hufrehe beim Esel - Hufbedingte Unterschiede zum Pferd (Astrid Arnold)

Dass Esel keine langohrigen Pferde sind, ist allgemein bekannt. Der Esel hat andere Ansprüche an Haltung und Fütterung und ein eigenes Sozialverhalten. Trotzdem neigen wird dazu, den Esel in Bezug auf seine Hufe wie ein Pferd und dessen Hufe zu behandeln. Doch nicht nur die Ansprüche des Esels sind verglichen mit dem Pferd anders, auch die Anatomie der unteren Gliedmaße ist verschieden.

Zwar haben auch Esel ein Hufbein, Strahlbein, Kronbein, Fesselbein usw. aber die Unterschiede von Knochenbeschaffenheit, Form, Längenverhältnissen und beteiligten Strukturen sind doch erheblich. So sind Sehnen und Bänder der Esel wesentlich flexibler, als dies beim Pferd der Fall ist. Jeder, der schon einmal ein Eselbein, besonders im Karpalgelenk, passiv bewegt hat, wird über den möglichen Bewegungsradius erstaunt gewesen sein.

Verglichen mit dem Pferd ist die Hornkapsel des Esels sowohl in ihrer Form als auch in der Struktur anders. Die Zehenwände sind beim Esel sehr dick, die Seitenwände ohne Rundung und verhältnismäßig dünn. Die Trachten sind anders geformt. Da das Hufbein des Esels keine Hufbeinäste aufweist, ersetzen die Trachten sozusagen die Hufbeinäste. Auch das Horn selbst ist von anderer Qualität. Beispielsweise quellen Eselhufe bei Feuchtigkeit viel mehr und schneller auf.

Auch bei der Durchblutung gibt es Unterschiede. Während des Präparierens werden die Blutgefäße mit Kunstharz ausgespritzt. Vergleicht man hierbei ein Eselpräparat mir einem in der Größe vergleichbaren Ponypräparat, so fassen die Blutgefäße des Eselpräparats ca. 8 bis 10ml Kunstharz, das vergleichbare Ponypräparat nur ca. 5 bis 6ml und das, obwohl die Eselbeine schlanker sind.

1 Vergleichende Anatomie des Hufes und Hufbeines

Bild 1: Hinterbeine, oben Esel, unten Pony. Die Knochen des Esels sind insgesamt schlanker und im Verhältnis zu ihrem Umfang länger.

Bild 2: Hinterhufe, links Pony, rechts Esel. Der auffälligste Unterschied ist am Hufbein zu finden. Es ist erheblich kleiner, hat weniger Höhe und es besitzt keine Hufbeinäste. Daher haben die Hufknorpel weniger Unterstützung über das Hufbein, als das beim Pferd der Fall ist.

Bild 3: Hinterhufe, links Pony, rechts Esel. Obwohl das Hufbein des Esels kleiner ist, ist die Hornkapsel in etwa gleich groß, wie die des zum Vergleich gezeigten Ponys. Beide Tiere waren in etwa gleich groß, die Beinlänge bis zum Sprunggelenk in etwa gleich lang.

Um Röntgenbilder des Esels sinnvoll beurteilen zu können, muss man diese Unterschiede zum Pferd beachten. Insbesondere das Hufbein ist hinsichtlich seiner Knochendichte mit einem Pferdehufbein nicht zu vergleichen.

Da es kaum Röntgenbilder von gesunden Eselbeinen gibt, habe ich vor Jahren den jungen und gesunden Esel Oskar röntgen lassen. Seitdem haben die Bilder von Oskar schon so manchem anderen Esel das Leben gerettet. Die Veränderungen am Hufbein von Esel-Rehe-Patienten erscheinen zwar mitunter dramatisch, aber sie wirken weit weniger dramatisch, wenn man sie mit denen eines gesunden Esels vergleicht und nicht mit denen eines gesunden Pferdehufbeins.

Es ist mir ein großes Anliegen, auf diesen Unterschied am Hufbein aufmerksam zu machen, damit kein Esel mehr wegen einer Fehleinschätzung aufgegeben wird!

Bilder 4 – 6: Huf links vorne von dem noch jungen und gesunden Esel Oskar

Bilder 7 – 9: Röntenbilder Esel Oskar links vorne, mit Genehmigung von Dr. Feigl

Bilder 10 – 12: Röntgenbilder eines Pferdes zum Vergleich, mit Genehmigung von Dr. Marcus Menzel

2 Sehnen und Bänder

Ein weiterer erheblicher Unterschied zwischen Esel und Pferd liegt in der Flexibilität der Sehnen und Bänder. Diese sind beim Esel wesentlich nachgiebiger, weshalb Esel auch häufiger Probleme mit Luxationen oder Subluxationen haben. So findet man beim Esel seltener als beim Pferd Sehnenstelzfüße. Eher kommt es, gerade wenn die Hufe vernachlässigt werden, zu Durchtrittigkeiten.

3 Die Hornkapsel

Bilder 13 und 14: Sagittalschnitt Eselhuf seitlich und mittig

Beim Pferd werden die Hufknorpel weitgehend von den Hufbeinästen unterstützt. Beim Esel fehlen die Hufbeinäste. Die Hufknorpel liegen daher hauptsächlich auf den Trachten, wie man auf Bild 13 gut erkennen kann.

Wie auf Bild 3 gut zu sehen ist, sind die Hornwände an der Zehe beim Esel erheblich dicker. Es gibt weniger Hornblättchen, diese sind dafür kräftiger ausgebildet. Die Sohle beim Esel ist – zumindest an der Vorhand – sehr dick. Das alles macht den Eselhuf an der Zehe sehr stabil und die Zehenwand verbiegt bei einer Hufrehe nicht so leicht nach vorne, als dies beim Pferd der Fall ist.

4 Hufrehe beim Esel

Abgesehen von einer Hornfaltenbildung zeigt eine Eselhornkapsel erst sehr spät Veränderungen wie eine schnabelnde Zehenwand bei Hufrehe. Es erfordert eine sehr hohe und lange Zehenwand um eine solche Veränderung beim Esel zu bewirken.

Genauso schnell wie beim Pferd kommt es jedoch zu den inneren Veränderungen. Es ist ja nicht nur die Verbreiterung des Hufbeinträgers durch eine hebelnde Zehenwand, die wir beim Pferd immer so vorrangig behandeln. Auch ohne eine sichtbar hebelnde Zehenwand kann es zu veränderten Lederhäuten und zu Atrophie oder Hutkrempenbildung an den Hufbeinen kommen. Sind diese Veränderungen beim Esel bereits vorhanden, so kann er trotzdem noch eine recht ansehnliche Hornkapsel haben. Die inneren Veränderungen machen sich außen kaum bemerkbar. Oftmals wird nur eine lose Wand im Zehenbereich wahrgenommen.

Bilder 15 – 17: Präparat Esel Hufrehe Vorderhuf

5 Notruf Esel Felix

Im Juli 2016 erreichte mich ein Notruf. Eine örtliche Tierschutz- organisation hatte zwei Esel aus schlechter Haltung geholt. Eine Hufbearbeitung war unbedingt sofort notwendig. Ich hatte diese beiden Esel schon 2006 für eine Hufbearbeitung kennengelernt. Damals schon hatte der Esel Felix starke, auf Hufrehe hinweisende Veränderungen an den Hufen.

Da ich damals für die Esel keine Verbesserung hinsichtlich Haltung, Fütterung und regelmäßiger Hufbearbeitung erreichen konnte, ist der Kontakt im Sande verlaufen. 2016 sollte ich die Esel nun wieder treffen, nach 10 Jahren und vermutlich mit nicht behandelter und andauernder Hufrehe. Meine Prognosen waren daher erst einmal schlecht.

Hufrehe beim Esel - Fallbeispiel "Felix"

Das Bild 19 zeigt die Vorderhufe von Felix noch im Stall, aus dem er geholt wurde. Aufnahmen von der Sohle wurden nicht gemacht, Felix konnte kaum stehen. Nach der ersten Nothufbearbeitung durch mich noch an dem Wochenende, an dem er geholt wurde, konnte Felix wieder besser stehen. Gehen fiel ihm sehr schwer, auch weil er abgemagert war und kraftlos.

An den sichtbar hoch gestauchten Hufknorpeln kann man erahnen, wie steil das Hufbein steht.

Nach zwei Wochen wurden Röntgenbilder gemacht, um die Situation besser einschätzen zu können (Bilder 20, 21). Bitte beachten Sie, dass das Krongelenk in Höhe des Kronrandes ist und nicht mehr das Hufgelenk. Ja, das Hufbein ist tatsächlich soweit in die Hornkapsel eingesunken.

Felix war zu dem Zeitpunkt an seinem schlechteren Huf VL lahm. Wie sich schnell herausstellte, war der Grund für diese Lahmheit ein Hufgeschwür in der losen Wand.

 

Bilder 20, 21: Röntgen vorne rechts und links lateral im Juli 2016, mit Genehmigung von Dr. Marcus Menzel

Bilder 22, 23: Hufe Felix vorne rechts und links zum Zeitpunkt der Röntgenaufnahmen im Juli 2016

Da die Hufbeine von Felix als stark atrophiert beurteilt wurden und er zusätzlich wieder viel gelegen ist, wurde die Euthanasie vonseiten des Veterinäramtes und verschiedener Tierärzte empfohlen.

Es wurde wieder einmal mehr ein Eselhufbein mit dem eines Pferdes verglichen und so als problematischer beurteilt, als es wahrscheinlich für den Esel selbst war.

Durch die Röntgenbilder vom Esel Oskar konnte ich jedoch beweisen, dass ein Esel anders eingeschätzt werden muss und es Sinn macht abzuwarten, wie es Felix geht, wenn das Hufgeschwür behandelt und ausgeheilt ist.

Bild 24, 25: Röntgen vorne rechts und links lateral im März 2017, mit Genehmigung von Tierärztin Sabine Wallner

Bild 26, 27: Hufe Felix vorne rechts und links zum Zeitpunkt der Röntgenaufnahmen im März 2017

Was man allerdings von diesen Hufen nicht erwarten kann, ist, dass sie jemals wieder in eine von uns vorgestellte Anatomie zurückfinden. Eine Hufbeinabsenkung bis zum Krongelenk wird bleiben. Jede Hufstellungsveränderung wirkt sich bei Felix genauso direkt auf das Kronbein aus, wie auf das Hufbein, so als ergäben diese beiden Knochen zusammen einen. Die Bewegungsmöglichkeit beginnt erst im Krongelenk. Den für Felix funktionalsten Hufwinkel zu finden, ist eine Herausforderung. Felix geht heute gerne mit seinen Eselfreunden spazieren.

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Dieser Artikel ist Bestandteil der Tagungsmappe der 11. Huftagung der DHG. Die Tagungsmappe (200 Seiten) kann zum Preis von 30 Euro bei uns bestellt werden.

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