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Behandlung eines austherapierten Hufkrebsfalles

Uranus, Trakehner Wallach, 26 Jahre

Ende 2011 bemerkte die Besitzerin erste Gewebewucherungen an der mittleren Strahlfurche des rechten Hinterhufes. Der hinzugezogene Tierarzt konnte keine Diagnose stellen und empfahl sechs Wochen abzuwarten. Im Frühjahr 2012 wurde durch einen anderen Tierarzt eine chronische Entzündung der Strahllederhaut diagnostiziert. Als Therapie erfolgte ein Beschlag mit einem Deckeleisen und der Einsatz verschiedener Salben zum Verätzen und Austrocknen des Gewebes. Die Besitzerin berichtete, dass im Laufe der nächsten sechs Monate keine Verbesserung am betroffenen Huf eintrat und Uranus den Huf immer schlechter belasten konnte. In dieser Zeit fingen auch die anderen Hufe an, am Strahl ein ähnliches Bild zu zeigen. Das veranlasste die Besitzerin, die bisherigen Maßnahmen zu überdenken und nach einer anderen Therapie zu suchen.

Im Spätsommer 2012 wurde Uranus einem Huforthopäden vorgestellt. Im August 2012 wurde das Deckeleisen abgenommen. Zum Vorschein kam eine auf den ersten Blick recht intakte Sohle - rund um die Strahlspitze waren jedoch bereits deutliche Gewebewucherungen zu erkennen. Der vorhandene Strahl ließ sich problemlos um mehrere Millimeter in alle Richtungen verschieben. Auffällig tief ausgeprägt waren die Mittelstrahlfurchen an allen vier Hufen.

Die erste Hufbearbeitung erfolgte sehr vorsichtig und zielte in erster Linie darauf ab, Hebelkräfte zu minimieren und Zugänge zur infizierten Lederhaut zu ermöglichen. Die Besitzerin von Uranus berichtete, dass er zwölf Stunden nach der Eisenabnahme begann, seinen rechten Hinterhuf wieder zu belasten. Wir werteten sein Verhalten als Zustimmung und unterstützten die Behandlung mit einer Blutegeltherapie. Zusätzlich begann die Besitzerin eine Darmsanierung bei Uranus. Ziel war die Unterstützung des gesamten Organismus.

Die Besitzerin übernahm die Aufgabe, den Huf, und hier insbesondere den Strahl, täglich mehrere Minuten mit einem angemessenen Wasserstrahl zu massieren und die losen Hornteile abzuspülen. Danach wurde der Huf täglich in einer Rivanollösung gebadet und die Strahlfurchen wurden mit einem Breitbandantibiotikum (Trockensteller) tamponiert. Zum Schutz bekam Uranus einen austamponierten Hufschuh.

Im Verlauf der weiteren Bearbeitungstermine wurden die tatsächlichen Schäden am Huf immer deutlicher sichtbar: unter einem scheinbar noch intakten Sohlenhorn befanden sich großräumige Entzündungsherde. Positiv war, dass der Strahl immer besser wurde, auch die vormals verbreiterte Blättchenschicht an der Zehenwand hatte sich nun geschlossen. In Bereichen der Sohle und an der medialen Eckstrebe traten jedoch immer wieder Hufgeschwüre mit teilweise frei liegender Huflederhaut zutage. Es gab Tage, an denen Uranus so gut laufen konnte, dass er mit einem Hufschuh auf die Koppel gehen durfte.

Im Winter 2012/2013 traten belastungsbedingte „Problemzonen“ am Huf zutage, welche Uranus offensichtlich Schmerzen bereiteten. Die Sohle löste sich immer weiter auf, die Sohlenlederhaut war augenscheinlich chronisch entzündet und nicht mehr in der Lage normales Horn zu bilden. Stellenweise gab es kaum noch geschlossene Sohlenbereiche. Die Hufwände waren jedoch - mit Ausnahme der medialen Trachtenregion - tragfähig. Aufgrund der fehlenden Eckstrebenverbindung an der medialen Seite wurde die dort befindliche Trachte immer instabiler und begann schließlich sich nach hinten/außen zu verbiegen.

Im späten Frühjahr 2013 kam es nach einer längeren positiven Periode wieder zu einer deutlichen Stagnation - nicht nur bezüglich der Hufsituation, sondern der gesamte Pferdeorganismus schien wieder aus dem Gleichgewicht zu geraten (nebenstehende Bilder aus März 2013). Der betreuende Huforthopäde schlug vor, eine Kollegin welche zugleich Huforthopädin und Tierärztin ist, hinzuzuziehen. Die erste Anamnese und Beratung durch sie erfolgte am 10.7.2013.

Uranus hatte zu dem Zeitpunkt chronische Schmerzen, der Bauch war hochgezogen, sein Allgemeinbefinden war schlecht, das Fell war stumpf und er horchte ständig in sich hinein. An der rechten Hinterhand zeigte er eine mittelgradige Stützbeinlahmheit. Am Huf war die mediale Wand fast 45 Grad flach abgehebelt. An der Sohle fanden sich Stellen mit teilweise extrem dickem und steinhartem Sohlenhorn, aber auch Bereiche ohne Sohlenhorn mit freiliegender Lederhaut. Man konnte aufgequollene Lederhautzotten im Bereich der medialen und lateralen Blättchenschicht sowie um die Strahlspitze herum erkennen. Die mediale Blättchenschicht war fast bis zum Kronrand nicht mehr intakt, weshalb die Wand auch so stark weghebeln konnte. Der Huf war im Trachtenbereich sehr eng geworden (Zwanghuf), was wiederum zu starken Quetschungen im Strahl- und Ballenkissen führte.

Nach eingehender Beratung über den Zustand des Hufes gelangte man gemeinsam zu der Ansicht, dass für eine bessere Wundversorgung hier ein operativer Eingriff nötig wäre. Um Uranus aus dieser dieser Schmerzsituation heraus zu holen, die ihn offensichtlich sehr belastete, sollte auch eine schmerzlindernde Therapie erfolgen. Unterstützend wurden auch eine Behandlung der Leber und eine Proteinzufuhr eingeleitet. Zusätzlich wurde Kieselerde zugefüttert.

Die erste Operation erfolgte am 18.07.2013. Unter Stehendnarkose mit tiefer Palmarnerven-Leitungsanästhesie des rechten Hinterbeines wurden zuerst überschüssige, aber intakte Hornbereiche entfernt. Dabei wurden ungünstige Hebel an den Hufwänden minimiert und unterstützend auf die gesamte Hufsituation eingewirkt. Anschließend wurden das weiche Hornmaterial sowie nekrotische Lederhautanteile chirurgisch entfernt, bis Anschluss an das benachbarte gesunde Gewebe erreicht werden konnte. Dabei wurde so minimal invasiv gearbeitet, wie nur irgend möglich war. Die Wundflächen wurden anschließend mit Rebosan-Spüllösung gesäubert und dann antibiotisch mit Penicillin getränkter Watte abgedeckt. Der Huf wurde mit einem Schuh versehen.

Die Besitzerin von Uranus wurde angewiesen den Huf in den folgenden Tagen täglich mit Rebosan-Spüllösung zu reinigen und die jetzt zugänglichen Wundbereiche mit Penicillin getränkter Watte zu versorgen.

Die zweite Behandlung erfolgte neun Tage später. Wieder unter Stehendnarkose und Leitungsanästhesie wurden die Wundbereiche zuerst gereinigt. Anschließend wurde vorsichtig überschießendes Granulationsgewebe entfernt.

Die dritte Behandlung erfolgte nach weiteren 10 Tagen. Dieses Mal war nur noch eine leichte Stehendnarkose und keine Leitungsanästhesie mehr notwendig. Die Wundflächen waren deutlich kleiner geworden und es war bereits eine feine Epithelisierung vom Rande aus erfolgt.

Bei der vierten Behandlung nach 3 Wochen zeigte sich, dass die letzte Bearbeitung ausgesprochen positiv gewirkt hatte. Die Wundflächen waren geschlossen und fast komplett verhornt. Nur in der medialen Blättchenschicht und im hinteren Bereich der lateralen Blättchenschicht waren noch weiche Bereiche. Um die Strahlspitze waren die Defekte gänzlich verhornt. Eine Sedierung war bei dieser Behandlung nicht mehr erforderlich. Uranus war deutlich zufriedener und lahmte nicht mehr.

Die Hufbearbeitungen erfolgten im weiteren Verlauf im Abstand von 2 Wochen. Einen längeren Bearbeitungsabstand tolerierte Uranus nicht und quittierte dies mit Unwohlsein und Tendenz zur Lahmheit.

Bis Ende 2014 war der Hufkrebs nach kurzen Episoden des Wiederaufflackerns kleinerer Stellen ausgeheilt. Der rechte Hinterhuf hatte sich sehr verbessert und die Problemzonen waren alle, allerdings wie zu erwarten mit Narbenhorn, durchweg verhornt. Die Hufbearbeitungsintervalle konnten auf 3 Wochen ausgeweitet werden. Uranus zeigte deutliche Lebensfreude und bewegte sich ungezwungen. Ab 2015 wurden die Bearbeitungsabstände auf 4 Wochen erhöht und Uranus ging geheilt auf die Sommerkoppel, er wurde als Reitpferd versichert.