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Die disto-proximo-distale Hufbalance des Pferdes - Der Einfluss der Hufbalance auf Muskelaktivität und Bewegung des Pferdes, sowie der Einfluss von Bewegung und Muskelaktivität auf den Huf (Tanja Richter)

Mein linker Fuß sieht anders aus als der rechte. Der linke Fuß ist flacher, die äußeren Zehen sind verkrümmt. Mein rechter Fuß dagegen steht gerade da. Wenn ich mich auf meinen Gang konzentriere, bemerke ich eine Ungleichheit. Mit dem rechten Fuß rolle ich besser ab, der linke „platscht“ mehr auf. Auch meine Schuhe laufen sich ungleich ab. Die linke äußere Schuhsohle ist platter gedrückt, die rechte Schuhsohle ist gleichmäßiger abgelaufen. Eine Erklärung für diese verschiedenen Füße könnte mein linkes Knie sein, das schon seit einiger Zeit schmerzt. Vielleicht will ich unwillkürlich dem Schmerz an der Innenseite ausweichen, belaste so mehr den linken äußeren Fuß, so dass die Zehen sich krümmen und der ungleichmäßig wirkt. Oder aber, weil der linke Fuß so platt ist, habe ich Knieschmerzen, weil das Knie so im krummen Winkel auftritt. Oder es liegt an der Narbe am linken Oberschenkel, die ich als Kind bei einer Impfung bekommen habe. Vielleicht habe ich deswegen mein Leben lang das linke Bein weniger belastet, die Muskeln haben sich schlechter ausgebildet, der Fuß wurde platt und krumm. Oder es liegt an meinen Augen. Das rechte Auge wurde in der Jugend verletzt. So habe ich immer meinen Kopf schief gehalten, der Atlas verdrehte sich wegen der Blickrichtung mit der Zeit. Das Körpergleichgewicht passt sich bekanntlich der Atlasstellung an, in der Folge habe ich das rechte Bein mehr belastet, das linke Bein geriet in eine Krümmung. Oder liegt es einfach an meiner ausgeprägten Rechtshändigkeit, dass ich meine Füße ungleich belaste.

Jeder meiner menschlichen Osteopathie-Patienten hat ungleiche Füße. Immer ist es meine Aufgabe herauszufinden, warum das so ist. Auf diese Weise kann ich die Asymmetrie im Körper des Patienten besser verstehen und die Ursachen der Schmerzen finden. Nach einer erfolgreichen Behandlung bleiben die Füße immer noch schief. Auch meine Füße bleiben schief, obwohl ich mich doch stetig bemühe, mittig zu stehen und gleichmäßig abzurollen...

Bei meinem Pferd ist das nicht anders: Dieses hat sogar vier verschieden geformte Hufe. Der linke Vorderhuf steht schön gerade da, mit leichter Tendenz der Innendrehung. Alle zwei bis drei Wochen wird die höhere Innenwand ein wenig verkürzt - dann steht der Huf für zwei bis drei Wochen gerade. Der rechte Huf hat immer die Tendenz zu lang zu sein. Die rechte Zehe scheint wie durch Zauberhand schneller länger zu werden als die vom linken Huf. Natürlich wird auch dieser Huf alle zwei bis drei Wochen korrigiert. Aber die Grundtendenz dieser Schiefe bleibt immer bestehen.

Vor einigen Jahren war das anders. Als wir die Stute dreijährig von der Koppel gekauft haben, stand diese zehenweit mit flachen Trachten und langen Zehen vorne wie hinten. Natürlich haben wir gleich die Hufstellung korrigiert, aber die Grundform blieb gleich: Lang und flach. Nach etwa einem Jahr Arbeit in der Ausbildung sowie ständiger Zehenkorrektur, richteten sich Hufe und Fessel auf. Als unser Pferd ins sechste Lebensjahr kam, änderte sich die Hufform in die nun leichte zehenenge Stellung. Gleichzeitig ist die Stute in der Brust breiter geworden.

Dieser Artikel ist Bestandteil der Tagungsmappe der 6. Huftagung der DHG e.V. Die Tagungsmappe (51 Seiten) kann zum Preis von 10 Euro bei uns bestellt werden.

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