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Umstellung von Eisen auf Barhuf

Silke Plantzen

Es gibt immer noch viele Pferde, die wenigstens an den Vorderhufen, teilweise auch an den Hinterhufen, beschlagen sind. Entscheidet sich der Pferdebesitzer dann für eine Umstellung auf Barhuf, spielen für das Gelingen viele Faktoren eine Rolle. Zunächst stellt sich die Frage:

Warum die Eisenabnahme?

Die meisten Pferdebesitzer entscheiden sich erst für einen Barhufversuch, wenn es fast zu spät ist und das Pferd bereits große Probleme in Form von Lahmheiten oder untragbaren Hufzuständen hat. Es gibt aber genug Argumente, auch einem scheinbar problemlosen Huf die Chance auf eisenfreie Zeiten zu geben:

  • Der Beschlag dient grundsätzlich nur als Schutz gegen zuviel Abrieb und wird aus eben diesem Grund von den meisten Pferden gar nicht benötigt. Lediglich für abriebintensive Nutzung wie Distanzritte und Kutschfahrten ist ein Abriebschutz sinnvoll, hier kann aber auch auf die Alternative Hufschuh zurückgegriffen werden. Entscheidet sich z.B. ein Distanzreiter in den Sommermonaten für einen Beschlag, so können die Hufe durchaus in den Wintermonaten wieder eisenfrei korrigiert werden.
  • Korrektur am Huf ist mit einem Beschlag nicht möglich, die Hufsituation lässt sich nur am Barhuf verändern und verbessern. Der Huforthopäde nutzt bei seiner Bearbeitung die Faktoren Abrieb und Bodengegendruck, diese lassen sich aber unter dem Eisen nicht steuern.
  • Ein „unbewaffnetes“ Pferd ist keine so große Gefahr für seine Artgenossen.
  • Unter dem Beschlag werden die meisten Hufe trachtenlastig, da unter dem Eisen nur im Trachtenbereich Abrieb stattfindet, während der Rest des Hufes in die Höhe wächst. So wird der Huf mit der Zeit immer flacher, die Zehe immer länger.
  • Die Hornqualität nimmt unter dem Beschlag ab, die Entstehung von Hufgeschwüren und Abszessen wird begünstigt.
  • Durch das starre Eisen wird die Hufmechanik weitgehend ausgeschaltet, der Huf kann sich nicht mehr verformen, sich somit nicht an den Untergrund anpassen und die Stöße während der Bewegung nicht mehr abfangen - diese gehen also ungehindert nach oben in die Gelenke.
  • Außerdem wird durch die weitgehende Ausschaltung der Hufmechanik die Durchblutung des Hufes stark herabgesetzt. Die negativen Folgen sind vielfältig und betreffen neben den Gliedmaßen den gesamten Organismus.
  • Mit Eisen hat der Huf wenig Halt auf rutschigen und glatten Böden.

Wer nimmt die Eisen ab?

Soll das Pferd in Zukunft von einem Huforthopäden bearbeitet werden, empfiehlt es sich, die Eisenabnahme auch vom HO durchführen zu lassen. Zum einen wird der Huforthopäde die Eisen möglichst materialschonend entfernen, zum anderen sollte unbedingt die erste Behandlung direkt vom HO durchgeführt werden.

Wie wird am Huf bearbeitet?

Der Huforthopäde wird schon bei der ersten Bearbeitung dafür sorgen, dass sich die Hufsituation verbessert und bemüht sein, dem Pferd die Umstellung so angenehm wie möglich zu machen. Es werden z.B. Hebelkräfte an schrägen Wänden minimiert, um sowohl die Wand wieder aufzurichten als auch dem Pferd Schmerzen, welche durch Hebelkräfte verursacht werden, zu nehmen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass der HO sofort nach der Eisenabnahme die Bearbeitung übernimmt. Anfangs sind relativ kurze Behandlungsabstände sinnvoll, um den Hufen und dem Pferd möglichst schnell auf den richtigen Weg zu helfen. Die genauen Abstände müssen vom Bearbeiter von Termin zu Termin festgelegt werden.

Wie reagieren die Hufe?

Hierzu lässt sich keine allgemeingültige Prognose abgeben, selbst am konkreten Fall ist es schwierig, die Lage einzuschätzen. Unter dem Eisenbeschlag ist die Hornqualität schlecht geworden, das Horn ist meist weich und bröselig, da ihm die Reize des Bodens fehlen. Ein Barhuf produziert qualitativ hochwertiges Horn, weil durch die Reize verschiedener Böden die Hornproduktion angeregt wird und entsprechend hartes Horn entsteht. Unter dem Eisen fehlen diese Reize, deshalb wird hier auf Dauer die Hornqualität zunehmend schlechter, was sich nach der Umstellung auf Barhuf aber mit der Zeit wieder bessert.Die meisten Hufe brechen an den Nagellöchern aus; die Intensität der Ausbrüche hängt auch von der Hufsituation ab, schräge Wandanteile werden heftiger ausbrechen als relativ steile Wände. Oft ist nach kurzer Zeit der komplette Tragrand weggebrochen, nun müssen Sohle und Strahl verstärkt Tragefunktion übernehmen. Das kann zu einer so starken Reizung der Sohlenlederhaut führen, dass sie mit einer Entzündung reagiert. Hier sollte ein Tierarzt hinzugezogen werden, außerdem kann der Hufbearbeiter dem Pferd mit fachgerechten Hufpolstern Erleichterung verschaffen. Eine Fühligkeit auf steinigen Böden ist bei der Umstellung normal, denn durch die Eisenabnahme und die wieder einsetzende Hufmechanik spürt das Pferd den Boden unter den Füßen endlich wieder, daher werden Steine und Schotter als unangenehm empfunden. Grundsätzlich ist ein Pferd, das auf steinigem Boden vorsichtig läuft, zu beglückwünschen, denn im Gegensatz zu seinen beschlagenen Artgenossen schont es seine Gliedmaßen und läuft nicht rigoros über Stock und Stein, wodurch Gelenke und Sehnen auf Dauer geschädigt werden können.

Ob das Pferd die Umstellung gut verkraftet und relativ problemlos weiterläuft, hängt von der Bearbeitung und der Hufsituation, aber auch in großem Maße von der Mitarbeit des Pferdebesitzers ab.

Was kann und muss der Pferdebesitzer tun?

Zunächst einmal sollte sich jeder Pferdebesitzer, der an eine Eisenabnahme denkt, im Klaren darüber sein, dass sich sein Pferd während der Umstellungsphase in der Rehabilitation befindet. Das bedeutet, dass viel Rücksicht auf das Pferd genommen werden muss und persönliche Bedürfnisse wie das Reiten hintangestellt werden sollten. Anfangs sollte das Pferd komplett aus der Nutzung genommen werden, um erst einmal beobachten zu können, wie gut die Umstellung verkraftet wird. Steinige Böden sind vorerst zu meiden. Wenn es nicht anders geht, können Hufschuhe Abhilfe schaffen. Ansonsten ist es hilfreich, wenn das Pferd sich frei, z.B. auf der Koppel, bewegen kann, ohne dabei von ranghöheren Artgenossen gescheucht und zum Laufen gezwungen zu werden. Der Pferdebesitzer muss in jedem Fall Geduld mitbringen, denn wenn das Pferd zu früh wieder in die Nutzung genommen wird, wird dadurch meist das Gelingen der Umstellung verhindert oder verzögert. Jeder sollte sich vorher gut überlegen, ob er womöglich nicht auf das Reiten verzichten will und sich deshalb lieber damit abfindet, dass die Hufe seines Pferdes ggf. in einer schlechten Situation bleiben, oder ob er einige Wochen zugunsten des Pferdes das eigene Vergnügen zurückstellt. Natürlich sieht kein Pferdeliebhaber sein Tier gerne fühlig umherlaufen, aber diese Phase ist von absehbarer Dauer und mit anschließender Gesundung der Hufe verbunden, wohingegen ein scheinbar freudiges Laufen mit Eisenbeschlag nur allzu oft in einer nicht enden wollenden Odyssee der Lahmheiten resultiert.