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Hufkrebs in der Stutenmilchproduktion - Nicki

Vorgeschichte

Nicki lebte auf einem Hof in Österreich. Dieser Betrieb hält Tinkerhengste und -stuten zum Zwecke der Zucht und gleichzeitiger Stutenmilchproduktion. Um Stutenmilch produzieren zu können, ist es notwendig, dass die Mutterstuten, die gemolken werden, jedes Jahr ein neues Fohlen bekommen.

Der Altbesitzer des Hofes hatte den Betrieb bereits an seinen Sohn übergeben, interessierte sich aber noch immer für die Pferde. Da er die Arbeit der Kollegin an einem anderen Pferd mit Hufkrebs kennengelernt hatte, bat er sie, Nicki anzuschauen und ihre Hufe zu beurteilen.

Nicki war eine der Stuten, die zur Stutenmilchproduktion eingesetzt wurden, musste also jedes Jahr ein Fohlen austragen. An dem Tag, als die Huforthopädin Nicki kennenlernte, hatte sie ein Fohlen bei Fuß, war also gerade in der Milchproduktion und bereits wieder tragend.

Schmerzende Hufe und nicht artgerechte Haltungsbedingungen

Jeder von Nickis vier Hufen war von Hufkrebs befallen. Die Huforthopädin erklärte dem Altbesitzer der Mutterstute, dass es zur Heilung der desolaten und schmerzhaften Hufzustände zum einen nötig sei, die Hufe regelmäßig und in kurzen Abständen professionell bearbeiten zu lassen und, dass es darüber hinaus einer täglichen und zeitaufwendigen Hufversorgung bedürfe. Auch wies sie darauf hin, dass die Box von Nicki deutlich besser eingestreut werden müsse und die Stute viel Bewegung auf einer sauberen Koppel bräuchte.

Durch die bereits erfolgte Übergabe an den Sohn hatte der Altbesitzer des Hofes leider keinen Einfluss mehr auf den Stall und die Pferde. Auch war er aus Altersgründen nicht in der Lage, die Versorgung der von Hufkrebs befallenen Hufe im Alleingang zu übernehmen. Daher führte die Huforthopädin ein Telefonat mit dem Sohn und neuen Besitzer des Betriebes. Leider konnte sie aber weder eine Verbesserung für Nickis allgemeine Situation erzielen, noch konnte sie vereinbaren, ihre Hufkrankheit anzugehen. Sie musste erst einmal unverrichteter Dinge den Hof verlassen.

Die gesamte Situation für alle Pferde auf diesem Hof, die allgemein schlechten Haltungsbedingungen, die amoniakgefüllte Luft im Stall, die viel zu kleinen, mäßig eingestreuten Boxen (zumal für Stuten mit Fohlen bei Fuß), die Absetzer auf engstem Raum ohne Auslauf zusammengestellt, der schlecht gemistete Offenstallbereich, mit kümmerlichem Auslauf für die Hengste, dazu noch mindestens ein weiteres Pferd mit Hufkrebs - all das und die Vorstellung, weder Verbesserung geschweige denn Abhilfe erzielen zu können, deprimierte die Huforthopädin sehr.

Nachdem sie einige Gespräche mit anderen Stallbetreibern und Pferdebesitzern geführt hatte, denen der Stutenmilchbetrieb und die dortigen Probleme bekannt waren, entschloss sie sich zur Anzeige bei der zuständigen Behörde in Österreich. Kurz darauf wurde der Betrieb vom Veterinäramtsarzt besichtigt. Der Betreiber erhielt umfangreiche Auflagen für seine Stallanlage sowie die Auflage, den Hufkrebs von Nicki behandeln zu lassen.

Der Anlagenbetreiber und gleichzeitige Besitzer von Nicki hatte aber ganz offensichtlich dennoch kein Interesse an einer Hufbehandlung für Nicki. Da die Stute tragend war, fand er jedoch auch keinen Metzger zur Schlachtung. Nichtsdestotrotz machten die Auflagen des Veterinäramtes aber eine Lösung nötig und so konnte Nicki für einen Kaufpreis von 300 Euro aus dem Betrieb "freigekauft" werden.

Umzug in ein neues Leben und Hufkrebs-Behandlung

Bereits am nächsten Tag, nachdem Nicki in ihrem neuen Zuhause war, wurde mit der Behandlung des Hufkrebses begonnen.

Vor der 1. Hufkrebs-Behandlung am 13.03.2012

Nach der 1. Hufkrebs-Behandlung am 13.03.2012

Am ersten Hufkrebs-Behandlungstermin erfolgte neben der Hufbearbeitung auch eine Blutegeltherapie. Es wurden zwei Blutegel pro Huf angesetzt, die auch alle am Ballen im Bereich der mittleren Strahlfurche "ihre Arbeit aufnahmen".

Blutegel sind offensichtlich in der Lage, die schlechte Durchblutungssituation, die bei Hufkrebs häufig vorliegt (mit vielen kleinen Thrombosen in den Gefäßen) zu verbessern. Hinzu kommen die entzündungshemmenden, keimmindernden und die Heilungskräfte aktivierenden Wirkungen der Blutegeltherapie.

Die Hufe von Nicki wurden von ihren neuen Besitzerinnen täglich gewaschen und mit Rivanol gespült. In die tiefen Taschen der vom Hufkrebs zerklüfteten Hufbereiche wurde ein Medikament eingebracht, welches normalerweise zum Trockenstellen am Euter für Rinder (sog. Trockensteller) verwendet wird. Nicki hatte eine große Box mit trockener Sägemehleinstreu und kam täglich auf eine extra für sie bereitgestellte saubere Koppel mit geschlossener Grasnarbe.

Da der Behandlungserfolg weiterhin sehr gut war, wurde auf eine zweite Blutegelbehandlung verzichtet. Die Wirkung der Blutegeltherapie ist häufig lang anhaltend. Erst wenn die Wirkung nachlässt sollte man über eine weitere Behandlung nachdenken. Hier gilt: weniger ist oft mehr.

Vor der 2. Hufkrebs-Behandlung am 27.03.2012

Nach der 2. Hufkrebs-Behandlung am 27.03.2012

Bei der weiteren Hufkrebs-Behandlung war es sehr wichtig, die Form der Hufe, insbesondere die Trachten, umzugestalten. Nicki hatte - wie viele Hufkrebspferde - eine Hufform, die die Entstehung dieser Erkrankung fördert. Die Trachten stehen in einem schrägen Winkel nach außen. Lässt man zu, dass die Trachten noch schräger werden, führt das dazu, dass sich der Huf zwar im unteren Bereich unter Belastung erweitert, sich im oberen Bereich aber dagegen verengert und der Huf damit zum Ballenzwanghuf wird. Diese Situation führt zu einer Quetschung der Lederhäute, besonders in der mittleren Strahlfurche.

Die hierdurch überreizten, entzündeten Lederhäute tragen zur Entstehung von Hufkrebs bei und verhindern die Ausheilung. Die Hufbearbeitung muss also eine Sanierung des Ballenzwanghufes erreichen. Erfolgt eine solche Änderung der Hufform nicht, zeigt sich trotz aller Medikamente der Hufkrebs behandlungsresistent oder bricht nach einer kurzen Ruhephase zumeist wieder aus.

3. Hufkrebs-Behandlung am 19.04.2012

Die tägliche Behandlung mit Rivanolbädern und Trockenstellern erfolgte weiter bis alle Lederhäute entzündungsfrei und geschlossen waren. Danach wurde in die noch vorhandenen Taschen und Schlitze im Huf noch Keralit Undercover gegen die Fäulnis eingebracht.

4. Hufkrebs-Behandlung am 8.05.2012

5. Hufkrebs-Behandlung am 23.05.2012

6. Hufkrebs-Behandlung am 7.06.2012

7. Hufkrebs-Behandlung am 29.06.2012

8. Hufkrebs-Behandlung am 19. 7. 2012

9. Hufkrebs-Behandlung am 9.08.2012

Rechtzeitig vor der Geburt des Fohlens von Nicki war der Hufkrebs endgültig besiegt und Nicki kann und darf sich, nach so vielen Fohlen im Stutenmilchbetrieb, nun um ihren Sohn kümmern. Mit ihren gesunden Hufen kann sie jetzt auch durchaus mit dem kleinen, sehr aktiven Kerlchen mithalten.

Und all die anderen Pferde?

Nickis Geschichte hat eine gute Wendung genommen, aber was ist mit den übrigen Pferden in dem Stutenmilchbetrieb. Wie die Kollegin berichtet, lebt dort noch mindestens eine weitere Stute, deren Hufe von Hufkrebs befallen sind. Die Stute ist trächtig und kann daher weder eingeschläfert werden, noch wird sie von einem Metzger zur Schlachtung angenommen. Das Pferd ist zudem dämpfig, weshalb es schwierig ist, jemanden zu finden, der dieses Pferd und den Hufkrebs vernünftig versorgen kann. Eine weitere Anzeige bei den österreichischen Behörden würde dieser tragenden Stute nicht helfen. Die einzige Lösung für dieses Pferd könnte noch die Aufnahme durch eine Tierschutzorganisation sein.

Auch wenn sich die Haltungsbedingungen durch die Auflagen der Behörde etwas verbessert haben, so ist doch die Einstellung des Betreibers die gleiche geblieben, die Situation für die Tiere ist weiterhin unwürdig. Sollten Sie Stutenmilch kaufen wollen, überlegen Sie bitte, ob Sie diese wirklich benötigen und wenn ja, kaufen Sie nur von Betrieben, in denen die Stutenmilch liefernden Tiere ordentlich und artgerecht gehalten werden, denn dann regelt der Markt das Ende bestehenden Elends.