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Steile Hufe und das Leiden der Korrektur - Problemaufriss (Dr. Konstanze Rasch)

Das Thema „Steile Hufe“ oder genauer „Der menschliche Umgang mit steilen Hufen“ brennt mir seit Jahren auf der Seele. Ich glaube, es gibt kaum etwas, was in der Hufbearbeitung - nach der quantitativen Seite hin betrachtet - mehr schief läuft, als die wohlwollende menschliche Bearbeitung steiler Hufe. Was ich meine ist, überproportional häufig schafft der Mensch für Pferde Probleme einfach aus dem Grund, weil er „das Problem zu steiler Hufe“ beseitigen möchte oder anders gesagt, weil er steile Hufe verbessern möchte.
Ich habe in meiner bisherigen Laufbahn als Huforthopädin so viele Pferde kennengelernt, die allein durch die gutmeinenden Bemühungen um kürzere Trachten Schaden genommen haben, auch oft lebenslangen und irreparablen. Ich hoffe sehr, dass die Anzahl betroffener Pferde in der Zukunft sinken wird und die Vernunft Einzug hält. Die mit der Korrektur steiler Hufe geschaffenen Probleme sind völlig überflüssig, weil leicht vermeidbar.

1 Was sind „steile Hufe“?
Als normaler Pferdehuf galt früher ein Huf mit einem Zehenwandwinkel von 45° (Vorderhufe) bzw. 55° (Hinterhufe) (EBERLEIN 1908, SCHWYTER 1906) Mittlerweile hat sich das Wissen durchgesetzt, dass Pferde durchaus auch mit anderen und für sie dennoch physiologischen Hufwinkeln ausgestattet sein können.1  Hufe mit Dorsalwinkeln bis zu 55° werden heute als  normal  angesehen.  Liegt  der  Winkel  darüber,  also  über  55°,  so  spricht  man  von  einem stumpfen Huf bzw. bei 60° und mehr von einem Bockhuf oder von einem Stelzfuß.
Die Definitionen zum Bockhuf sind dabei durchaus unterschiedlich: HERTSCH und PHILLIP definieren den Bockhuf als einen Huf mit einem Zehenwandwinkel von mehr als 60° bei gleichzeitigem Vorliegen einer Hufgelenksflexion.2  (HERTSCH; PHILLIP 1992: 161) Laut BERNDT bezieht sich die Bezeichnung Bockhuf nur auf die Hufform mit einem Zehenwinkel von über 60° und nicht auf die Stellung der Zehenknochen, die sich über dem Huf befinden. Die Zehenachse kann hiernach also gestreckt oder auch gebrochen sein. (BERNDT 2014: 32) Für FLOYD dagegen ist die „Beugekontraktur“ (Flexion) des Hufgelenkes das entscheidende Indiz für das Vorliegen eines Bockhufes. Beim erwachsenen Pferd führt sie mit Berufung auf REDDEN zudem das Kriterium der Einseitigkeit ein. Ein Bockhuf Grad 1 wird von ihr definiert  als  ein  Huf,  der  einen  3-5°  höheren  Palmarwinkel  besitzt  als  der  normale  Partnerhuf. Beim Grad 2 ist der Palmarwinkel um 5-8° höher als an der kontralateralen Gliedmaße. Grad 3 und 4 werden ohne Bezug auf die andere Gliedmaße mit dem Vorhandensein noch steilerer
Winkel, konkaver Zehenwände, divergierender „Wachstumsringe“ und Schäden am Hufbeinrand definiert. (FLOYD 2009: 204ff.)
Prinzipielle  Übereinstimmung  herrscht  in  Bezug  auf  den  Stelzfuß.  Dieser  bezeichnet  keine einheitliche Stellungsabweichung, sondern fasst verschiedene Stellungsanomalien begrifflich zusammen, die allesamt mit einer übermäßigen Steilstellung der Zehenknochen bis hin zum...
                                                 
1 SCHROTH zitiert die Ergebnisse zahlreicher Autoren, die belegen, dass die Zehenwinkel von Pferden zum einen individuell sehr stark schwanken und zum anderen deutlich von den in den Standardlehrbüchern angegebe-
nen Idealwinkeln abweichen. Sie kritisiert die dort angegebenen Winkel von 45-50° für die Vorder- und 50-55° für die Hintergliedmaße als zu niedrig. Auch in ihrer eigenen Studie kommt sie zu dem Schluss, dass die Winkel am Vorderhuf im Normalfall größer sind als bisher angenommen. (SCHROTH 2000)
2  Ich frage mich bei dieser Definition stets, wie dann wohl ein Huf mit einem Zehenwinkel von 60° oder 58° und einer Flexion im Hufgelenk eingeordnet wird?

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Dieser Artikel ist Bestandteil der Tagungsmappe der 13. Huftagung der DHG e.V. Die Tagungsmappe (90 Seiten) kann zum Preis von 15 Euro bei uns bestellt werden.

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