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14. Huftagung der DHG e.V.

Thema: Die hormonell bedingte Hufrehe und ihre Folgen. Spezialthema: Hufbeindurchbruch

Mit insgesamt 12 Vorträgen von 11 Referenten rund um den (leider) hochaktuellen Themenkomplex „Die hormonell bedingte Hufrehe und ihre Folgen.Spezialthema:„Hufbeindurchbruch“ meldete sich die Huftagung der DHG e.V. nach vierjähriger corona- und personalbedingter Pause am 8. Juni 2024 mit ihrer 14. Auflage zurück. Über 150 Tierärzte, Studenten der Tiermedizin und Hufbearbeiter kamen an der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig im großen Hörsaal des Herbert-Gürtler-Hauses zusammen.

 

Nach den Begrüßungsworten von DHG-Gründungsmitglied Frank Vicent eröffnete Dr. Julien Delarocque, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Tierarzt an der Klinik für Pferde der TiHo Hannover, die Veranstaltung mit einem aktuellen Überblick zum Thema PPID. Er verwies auf die Überschneidungen zwischen Übergewicht, EMS, Insulindysregulation und PPID. Nahezu jedes dritte Pferd >15 Jahre erhält heute eine PPID-Diagnose. Als Ursachen stehen oxidativer Stress, eine α-Synuclein Überexpression sowie dessen Fehlfaltung und im Ergebnis eine Degeneration der dopaminergen Neuronen der pars intermedia der Hypophyse im Fokus. Es gibt Parallelitäten zur Parkinsonerkrankung beim Menschen.

Diagnostiziert wird PPID zumeist über die Bestimmung des ACTH-Basalwertes. Dieser unterliegt jedoch vielen Störfaktoren - Stress, Schmerzen, schwere Erkrankungen, Transport (>30 min warten), Fütterung (Stärke, nüchtern vs. gefüttert) - so dass es zu falsch positiven Ergebnissen kommen kann. Hinzu kommen Variationsfaktoren, die den ACTH-Wert deutlich beeinflussen, aber bis auf die Jahreszeit bisher bei den Referenzwerten keine Beachtung finden. Insbesondere die Rasse und das Alter der Pferde haben starken Einfluss auf die Höhe des ACTH-Basalwerts.

Der TRH-Stimulationstest ist aus diesem Grund weit zuverlässiger als der Basalwert. Der besondere Vorteil des TRH-Stimulationstests ist seine hohe Spezifität, d.h. es erfolgt keine Behandlung nicht erkrankter Tiere.

 

Dr. Konstanze Rasch, Präsidentin und Gründungsmitglied der DHG, hob in ihrem Vortrag zur endokrinopathischen Hufrehe im huforthopädischen Alltag die Häufigkeit dieser Form der Hufreheerkrankung hervor. War die Hufrehe früher im Verhältnis ein singuläres Ereignis, von welchem das ein oder andere Pferd tragischerweise betroffen war, scheint man heute von Hufrehefällen umgeben zu sein. 10 bis 15% aller Pferde erleiden heute einmal jährlich einen Reheschub. Betrachtet man allein die erwachsenen Ponys und Kleinpferde (≥ 9) so ist nahezu jedes fünfte Pferd betroffen. Diese Entwicklung steht im direkten Zusammenhang mit der massiven Zunahme von übergewichtigen Pferden in den letzten 20-30 Jahren, denn 90 % der gegenwärtigen Hufreheerkrankungen sind hormonell bedingt. Das neue Massenphänomen Fettleibigkeit geht häufig mit schleichender, subklinischer Hufrehe einher und endet – nach dem Übergehen der Warnsignale – nicht selten in heftigen und manchmal durch nichts mehr zu beendenden Reheschüben. Grund ist die nachhaltige und gefährliche Veränderung des Insulinstoffwechsels durch falsche Fütterung und Bewegungsmangel. Die Rednerin kritisierte diesbezüglich die Überversorgung von Pferden, nicht nur mit Rau-, Saft- und Kraftfutter, sondern vor allem auch die zur unhinterfragten Norm gewordene Fabrikfuttermentalität und die durchgesetzte Dauersubstitution mit Mineralstoffen und Vitaminen.

Dr. Rasch unterstrich nachdrücklich, dass der Schlüsselfaktor für Hufrehe die Insulinsdysregulation ist und PPID selbst nicht zu Hufrehe führt. PPID-Pferde ohne eine Insulindysregulation leiden nicht unter endokrinopathischer Hufrehe. Die heute verbreitete Betrachtung von PPID als endokrine Grunderkrankung und Ursache von Hufrehe führt ihrer Meinung nach insofern in die Irre, als bei der Therapie falsche Prioritäten gesetzt werden. Das zieht dann häufig Misserfolg nach sich. Sie rät dazu, Hufrehepferde immer auf Insulindysregulation zu testen und dann auch dementsprechend zielführend zu behandeln. Die erlebte Praxis ist eine andere. An Hufrehe erkrankte Pferde werden häufig sofort und oft auch ausschließlich einer PPID-Diagnostik unterzogen. Der Grund der Hufrehe wird dann mit der Diagnose PPID „falsch dingfest gemacht“, die tatsächliche Hufreheursache, die Insulindysregulation, wird nicht festgestellt bzw. nicht ernst genommen und aus dem Grund oft nicht ausreichend behandelt.

Besonders eindrücklich: Die Vorstellung der basalen ACTH-Werte eines Reheponys, welche trotz zwei Prascend® am Tag jahrelang um das 4-8fache über dem Normwert lagen, sich dann aber – nach erfolgreicher Behandlung der bis dahin „übersehenen“ Insulindysregulation (mittels Diät und Bewegung) – ohne Prascend® völlig und ganz normalisierten (auf 16,3 pg/ml).

Frühwarnzeichen wie die typischen EMS-Speckpolster und der präsente Fettkamm sind wahr- und ernst zu nehmen und ausdrücklich zu problematisieren. Auch die Hufe zeigen bereits frühzeitig, dass sie unter der beständigen Hyperinsulinämie leiden. Die insulinbedingten Schäden in der Blättchenschicht sind die am schnellsten und einfachsten zu beobachtenden Veränderungen. Weitere Zeichen sind massive Rillenbildung, schräg werdende Zehenwände, „Glockenhufe“, untypische Fühligkeiten.

Die Huforthopädin ruft alle Therapeuten am Pferd auf, nicht müde zu werden, Pferdebesitzer aufzuklären und zu warnen. Es geht eben nicht nur um „ein paar Speckpölsterchen zu viel“ und die frühzeitige Diagnose und Behandlung der Insulindysregulation ist von entscheidender Bedeutung für die zukünftige Lebensqualität des Pferdes.

 

In einem zweiten Vortrag ging Dr. Julien Delarocque genauer auf den Problemkreis Insulindysregulation ein. Als Insulindysregulation wird die überschießende Insulinantwort auf leicht verdauliche Kohlenhydrate beschrieben. Die Insulindysregulation geht in manchen Fällen mit einer Insulinresistenz einher, wobei die Insulinresistenz in einer verminderten Fähigkeit des zellulären Gewebes besteht, Glukose aufzunehmen. Die Insulin-Basalwerte sind dabei nicht zwingend verändert. Die heute häufig praktizierte Bestimmung der Basalwerte von Insulin und Glucose ist deshalb nicht ausreichend aussagekräftig und nicht wenige insulindysregulierte Pferde werden damit nicht erkannt.

Aussagekräftiger ist der orale Glucosetoleranztest (OGT, OST) bei welchem dem Pferd eine definierte Menge Zucker verabreicht und die darauf erfolgende Insulinantwort im Blut gemessen wird. Hierfür existieren unterschiedliche Protokolle und Referenzen. Um ein konkretes Ergebnis einordnen und die verschiedenen Assays miteinander vergleichen zu können, bietet sich die Nutzung der an der TiHo Hannover erarbeiteten App www.equine-insulin-converter.org an. Der orale Glukosetoleranztest ist dem intravenösen Testverfahren vorzuziehen, da der enteroinsulären Achse eine wichtige Rolle bei der Insulindysregulation zukommt.

Nicht unterschätzen sollte man allerdings die Gefahr, mit einem solchen OGT bei einem bereits hyperinsulinämischen Pferd die Hufrehe verstärken oder gar auslösen zu können.

Zur Therapie ist Diät und Bewegung unerlässlich, eine 5%ige Körpergewichtsreduktion führt zu einer >20%ige Reduktion der Insulingesamtmenge. Postprandiale Insulinpeaks (Weidegang, zucker- und stärkereiche Futtermittel) sind zu vermeiden. Der Nutzen von Zusatzfuttermitteln ist fraglich. Medikamentöse Unterstützung durch humane Diabetiker-Medikamente (Metformin, Levothyroxin, Gliflozin) wird zur Zeit erforscht. Dr. Delarocque schloss seinen Vortrag mit der wegweisenden ethischen Überlegung, braucht es tatsächlich eine Pille zum Abnehmen bei weiterhin energetischer Überversorgung der Pferde?

 

Anna Niemczyk, Tierärztin und Doktorandin an der Klinik für Pferde der TiHo Hannover, stellte die Pathomechanismen der Insulindysregulation vor. Anhaltende Hyperinsulinämie hat zahlreiche negative Auswirkungen auf verschiedene Organsysteme des Pferdes. Neben Hufrehe führt sie zu vaskulärer Dysfunktion und Störungen des Leber- und Fettstoffwechsels. Zudem führt Insulindysregulation zu systemischer Entzündung und oxidativem Stress. Hier könnte der Link zur späteren PPID zu finden sein.

Aktuell forscht die Referentin zum Zusammenhang zwischen Insulindysregulation und dem Arginin-Stickstoffmonoxid-Stoffwechsel. Denn Pferde mit Insulindysregulation und/oder Adipositas zeigen Veränderungen des Argininmetabolismus und der NO-Produktion. Die momentane Forschung zielt auf das bessere Verständnis des Argininmetabolismus beim Pferd im Zusammenhang mit bestehender Insulindysregulation.

 

Tierärztin Dr. Nancy Paulveranschaulichte, unterstützt durch tolle grafische Illustrationen, wie Hyperinsulinämie bereits in der Initialphase einer Hufrehe - also lange vor den ersten klinischen Anzeichen - zu histologischen Veränderungen im Hufbeinträger führt.

Ein Insulinspiegel von 200 µIU/ml führt bereits nach 48h zu solchen Schäden wobei die Pferde nicht immer schon klinisch auffällig sind.

Der Hauptbefund der hormonell bedingen Hufrehe ist die Hyperproliferation im epidermalen Teil des Hufbeinträgers mit Überdehnung der sekundären und primären Hornblättchen. Anzeichen einer Entzündung sind hierbei zunächst vergleichsweise gering ausgeprägt. Man weiß heute: Zellulärer Stress kommt bei Hufrehe vor Entzündung. Geforscht wird noch immer nach dem WIE des Wirkzusammenhanges von Insulin auf den Hufbeinträger und die Entstehung von Hufrehe. Der Blick der Forschung richtet sich auf die direkte bzw. indirekte Wirkung von Insulin am IGF-1-Rezeptor.

 

Um derartige Schädigungen im Hufbeinträger frühzeitig vorhersehen und auch Hufrehe vermeiden zu können, wären Tools von großem Wert, die dem Pferdebesitzer die gesundheitsgefährdende Stoffwechselstörung ihres Pferdes noch besser sichtbar machen. Daher führte die DHG e.V. in Kooperation mit der Tierärztin Alexandra Leonhardt einen Feldversuch durch, in welchem ein kontinuierliches Glukosemonitoring (CGM) beim Pferd unter Verwendung von Sensoren aus dem Humanbereich durchgeführt wurde. Nachdem die Ernährungswissenschaftlerin M.Sc. Kim Pethahn die Funktionsweise der modernen CGM-Systeme vorgestellt und das Verwendungspotential im Bereich Kleintier- und Pferdegesundheit erläutert hatte, stellte Alexandra Leonhardt Ablauf und Ergebnisse des Feldversuches vor. Neben praktischen Techniken zum verbesserten Anbringen und Auslesen der Sensoren und der Vorstellung des Berichtssystems zur Datenauswertung wurden Vergleiche mit anderen Messmethoden (Point of Care und Labor) vorgestellt. Bemerkenswert war die Beobachtung, dass jedes beprobte (Rehe-)Pferd eine sehr individuelle Regulation des Glucosestoffwechsels zeigte, was auf eine ebenfalls sehr individuelle Insulinregulation hindeuten dürfte. Bereits jetzt können CGM-Sensoren hilfreich sein, um die Gefährdungslage eines Pferdes besser einschätzen und die Verträglichkeit von Futtermitteln ganz konkret testen zu können. Auf dieser Basis kann das Futtermanagement angepasst werden. Breiter angelegte Studien zur Erlangung umfangreicherer Datensätze von gesunden wie kranken Pferden wären äußerst wünschenswert.

 

Dr. Christina Fritz, Biologin mit dem Arbeits- und Forschungsschwerpunkt Stoffwechseltherapie und Zivilisationskrankheiten des Pferdes, beleuchtete noch einmal den Aspekt der Fütterung von Hufrehepferden. Die Testung des gefütterten Raufutters auf seinen Gesamtzuckergehalt sollte mittlerweile selbstverständlich sein. Pferde mit Hufrehe oder Hufreheneigung sollten ein Heu mit maximal 6% Gesamtzucker und nicht mehr als 5-7% Protein erhalten. Ignoriert man diese grundlegenden Voraussetzungen, muss man sich über ein Weiterrehen des Pferdes nicht wundern und sollte die Gründe hierfür nicht in anderen Ursachen suchen.

Es wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass Hufrehe immer Ausdruck eines völlig entgleisten Stoffwechsels ist, der durch ein „zu Viel“ entsteht und nicht durch ein „zu Wenig“.

Die für Rehepferde häufig propagierte erhöhte Protein-Fütterung wurde kritisch erörtert. Pferde sind von Natur aus auf ein faserreiches und nährstoffarmes Futter angepasst. Dieser Fakt darf in Zeiten des allgegenwärtigen Überflusses nicht in Vergessenheit geraten. Anhand von Berechnungsbeispielen wurde dargelegt, dass Freizeitpferde ihren Proteinbedarf nahezu immer über eine artgerechte Heufütterung abdecken. Abschließend wurde auf das hohe Gefahrenpotential organischen Selens in der Pferdefütterung eingegangen, welches Insulindysregulationen befördert und die Hornqualität negativ beeinflusst.

 

Der Nachmittag war dem Spezialthema Hufbeindurchbruch gewidmet. Dr. Konstanze Rasch zeigte auf, wie ein bereits vorliegender Hufbeindurchbruch erfolgreich behandelt werden kann. Unerlässlich für eine vollständige Heilung ist dabei natürlich immer das Abstellen der Reheauslöser. Der beim Hufbeindurchbruch entstandene Schaden in der Hufsohle muss und kann gut versorgt werden, so dass er in kurzer Zeit verheilt. Wichtig hierfür sind Sauberkeit und Keimreduktion am Huf, eine fachgerechte Versorgung der Wunde sowie die Druckentlastung des Hufbeinrandes durch ein kluges Huf- und Polstermanagement.

 

Im Anschluss wurden drei Fallbeispiele erfolgreicher Behandlungen von Hufbeindurchbrüchen durch DHG-Huforthopädinnen vorgestellt. Im Fall eines beidseitigen Hufbeindurchbruches kooperierte die behandelnde Huforthopädin mit Tierärztin Bianka Lücke, welche reich bebildert die erforderlichen tierärztlichen Maßnahmen für eine Behandlung unter Feldnarkose vorstellte. Die Tierärztin Luise Dreßler und die DHG-Huforthopädin Lisa Helbig stellten ebenfalls eine erfolgreiche Kooperation von Veterinär und Hufbearbeiter vor und die DHG-Huforthopädin Nadja Politz präsentierte die bundesländerübergreifende Zusammenarbeit von vier Huforthopädinnen, welche aufgrund von Entfernung, Krankheit und Urlaub nötig wurde. Lohn der Teamarbeit war ein nach wenigen Monaten wieder lebensfrohes und sorglos trabendes Pferd. Allen Anwesenden wurde deutlich, ein Hufbeindurchbruch ist kein Todesurteil!

 

Die komplexen Vorträge machten deutlich, dass die immer stärker um sich greifende hormonell bedingte Hufrehe neue Ansprüche an die Handlungsfähigkeit von Tierärzten und Hufbearbeitern stellt. Diesen Herausforderungen müssen sich alle am Pferd agierenden Professionen durch die Aneignung von umfangreichem Hintergrund- und Handlungswissen stellen. Nur so kann man der zunehmenden Hufrehegefahr nachhaltig und wirksam die Stirn bieten.

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