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Zwei paar Stiefel – Problematik der unterschiedlichen Vorderfußwinkelung beim Pferd (Dr. Konstanze Rasch)

1. Problemaufriss

Immer wieder trifft man in der Praxis auf Pferde, deren Vorderhufe sich bezüglich ihrer Form und Ausrichtung zum Boden mehr oder weniger stark unterscheiden. Das reicht von leichten und nur dem wirklich aufmerksamem Betrachter ins Auge fallenden Differenzen bis hin zu hochgradig ausgeprägten Unterschieden.

Eine Zählung in meiner eigenen Kundschaft ergab: Auf 26,7% meiner Kundenpferde trifft diese Problematik einer unterschiedlichen Vorderfußwinkelung zu. Im Kollegenkreis berichtete man mir von 26,6% (Bayern), 18% (Sachsen) und 38% (Thüringen) betreuten Pferden mit ungleichen Vorderhufen.

Dieses Phänomen zieht sich quer durch alle Rassen und Altersgruppen und ist unabhängig von bestimmten Nutzungsformen und Haltungsbedingungen.

Prinzipiell ist das Auftreten von ungleich steilen Hufen an der Schultergliedmaße als ungünstig einzuschätzen, da hiermit immer eine unterschiedliche Belastung der beiden Gliedmaßen einhergeht. Dies gilt im Stand – die Beine werden „bequem“ positioniert, also bspw. entlastend vor, neben oder unter den Körper gestellt – und dies gilt ebenso in der Bewegung. Der jeweilige Winkel des Hufes und der Gelenke beeinflusst das Bewegungsmuster der Gliedmaße, was bei differierenden Gliedmaßen zu einem asymmetrischen Bewegungsablauf führt. So wird eine Verkürzung der tiefen Beugesehne (nebenbei der häufigste Grund ungleicher Vorderfußwinkel) das Pferd veranlassen, die Stützbeinphase der betreffenden Gliedmaße früher abzubrechen, da hier die verträgliche Sehnenspannung schneller erreicht ist und das Hufgelenk einen geringeren Bewegungsspielraum besitzt. Der ungleiche Gebrauch der Vordergliedmaßen bleibt dabei auch nicht ohne Auswirkung auf die Hinterhand. Ebenfalls muss man davon ausgehen, dass die unterschiedliche Biomechanik der einzelnen Gliedmaßen natürlich auch den gesamten Pferdeorganismus beeinflusst. Ergebnis ist ein in gewissem Maße asymmetrisches Pferd.

Meist ist es aber gar nicht so, dass die Pferde unter dieser ungleichen Situation leiden, also dass wir Probleme oder Schädigungen beobachten, die auf die ursprüngliche Fehlstellung und die daraus folgende Asymmetrie im Bewegungsablauf folgen. Meist verdanken sich die festgestellten Probleme und Pathologien den Versuchen des Menschen, diese differierende Stellung der Gliedmaßen an den Hufen zu reparieren. Das optische Empfinden und das Wissen um „günstiger wäre es wenn“ (Taktreinheit) – veranlasst zu dem Bestreben, die ungleich gestellten Gliedmaßen einander anzugleichen. Der steilere Huf wird dabei meist in  den Trachten nieder geschnitten, um ihn dem anderen, normalen Huf anzupassen.

Dieses Vorgehen bringt allerdings für das Pferd nahezu immer mehr Probleme mit sich, als die bestehende Ungleichheit an sich. Deshalb ist eine abweichende Hufwinkelung und unterschiedlich steile Stellung der Vordergliedmaßen bei einem adulten Pferd zu akzeptieren und nicht zu bekämpfen. Leider ist das sehr oft nicht der Fall.

Ein ganz typischer Fall ist der des 3jährigen Quarterwallachs Shiner. Als zukünftiges Turnierpferd für eine fünfstellige Summe erworben, kam Shiner zur Ausbildung und begann bereits kurze Zeit danach zu lahmen. Am 11. Juni 2008 wurde er zur Beurteilung der Hufsituation vorgestellt. Die Adspektion ergab eine starke Fehlstellung der rechten Vordergliedmaße einhergehend mit einer...